Um zu vermeiden, dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn sie oder er meine persönlichen Erfahrungsberichte liest, will ich folgendes klarstellen: Es war eine wichtige Erfahrung für mich, mit Gegebenheiten, die eine Krankheit so mit sich bringt (z. B. Inkontinenz) umgehen zu lernen. Gott sei Dank war ich meistens in der Wohnung, wenn solche Dinge passierten, ich konnte mich also gleich wieder frisch machen, ansonsten trinke ich möglichst nichts, wenn ich zu Terminen außer Haus muss. Die im Handel befindlichen Inkontinenzeinlagen halten nämlich leider nicht, was sie versprechen.

Von gleißendem Sonnenlicht, das direkt durchs Schlafzimmerfenster auf mein Gesicht fällt, geweckt, lasse ich mir ein Salzbad einlaufen, da ich spüre, dass in der Nacht viel Transformation in meinem Körper stattgefunden hat. In der Wanne, genieße ich es, wie das angenehm warme Wasser meine Haut umspült. Wieder raus aus der Wanne, auf dem Rand sitzend, wird mir plötzlich ganz mulmig. Nein, nein, es ist nicht der Kreislauf! Das kenne ich. Unmöglich aufzustehen! Ich fühle mich wie festgehalten auf dem Boden und gleichzeitig ist mir ganz seltsam zumute.

Ich folge meinem Impuls, mich auf den Fußboden zu legen, um nicht wieder zu stürzen und mich dabei zu verletzen. Da liege ich nun auf den ziemlich kalten Fliesen und atme, atme, atme. Ein Ding der Unmöglichkeit, mich wieder vom Boden zu erheben!

Früher hätte mich Angst, wenn nicht gar Panik gepackt! Hilflos am Boden liegend. Keine Angst, auch nicht mich zu erkälten! Keine Angst!!! Unglaublich wohltuend dieses Gefühl, wenn auch die Situation, in der ich mich befinde, sehr unangenehm ist!

AHA, die oft vernommene Aufforderung meiner inneren Stimme „Sieh am Schlechten das Gute!”

Ich überlege nüchtern und klar (kann es selbst kaum glauben!), was ich tun kann. OK. Warum nicht wie ein kleines Kind, das noch nicht laufen kann, zum Schlafzimmer zurückrobben? Gedacht, gemacht! Aber leichter gesagt als getan! Auf die Idee, mich vom Rücken auf den Bauch zu drehen, komme ich nicht. Dann hätte ich mich sicher leichter fortbewegen können. So ist es sehr, sehr mühsam. Die Tür öffnen, rückwärts Zentimeter für Zentimeter robbend endlich an der Tür angelangt, muss ich wieder ein Stück nach vorn, um sie zu öffnen, dann wieder zurück. Endlich, endlich im Flur! Ich hätte gar nicht gedacht, dass unser Flur so lang ist! Das gleiche Spiel mit der Schlafzimmertür. Die ganze Aktion dauert bestimmt 10 Minuten. (Na ja, wahrscheinlich kommt es mir nur so vor!).

Wie ich es geschafft habe, ins Bett zu gelangen, ist mir schleierhaft. Aber ich liege schließlich auf dem Bett, im Durchzug zwischen offenem Fenster und Tür. Sie hinter mir zu schließen, habe ich, um Kräfte zu schonen, unterlassen. Wurschtele noch das Badehandtuch unter meinen Po und Unterkörper. Ich hatte mich ja noch gar nicht abgetrocknet!

Da merke ich, es rumpelt heftig in meinem Bauch, ich spüre, dass ich dringend zur Toilette muss. Mon dieu, was nun? Ich bin so froh, endlich im Bett zu sein!!!! Und in diesem Moment entscheide ich mich mit voller Absicht, liegen zu bleiben und das Unglaubliche zuzulassen.

Total erleichtert bleibe ich liegen, ziehe sogar die Decke über mich, um auszuruhen, bis ich wieder aufstehen kann. Es ist mir ganz egal, ob ich nun auch noch die Zudecke einsaue.

„Das kannst du doch nicht machen, einfach ins Bett scheißen! Im Durchzug erkältest du dich!“ Solche Sätze oder ähnliche hätten mich noch vor ein paar Wochen zurückgehalten. JETZT nicht mehr. Besonders diese Erkenntnis erleichtert mich noch mehr, sodass ich mich mehr und mehr entspannen kann. Und dass ich dieses Erlebnis sogar in aller Öffentlichkeit schildere, kann man sich vorstellen, was das für ein Schritt ist!?!

Mit die schlimmsten Symptome bei der Erkrankung MS, mit der ich mich auseinandersetzen muss, waren Darm- und Blaseninkontinenz. Letztere führte vor Jahren zur definitiven Diagnose­stellung, die sich durch eine Liquorpunktion eindeutig bestätigte. Ich gab mich damit nicht ab, sondern nahm sie als Aufforderung zu Veränderungen in meinen Einstellungen und meiner Lebensführung.

Und JETZT weiß ich, dass ich weitere Tabuthemen transformiert habe! Und das nicht nur für mich persönlich, sondern auch für andere von dieser Krankheit Betroffene, wahrscheinlich sogar im Kollektivbewusstsein!

Nach einer guten Stunde Ruhen im Bett, alles so annehmend, wie es ist, stehe ich problemlos auf, begebe mich unter die Dusche. Der ganze Spuk ist vorbei! ICH BIN also wieder, über eine Tabuschwelle, einen Schritt weiter auf meinem Heilungsweg! Freude pur!

 

ICH BIN zuversichtlich, dass sich alles zum Besten wendet. Ich freu mich schon darauf.